La Graciosa – die kleinste bewohnte kanarische Insel steht seit genau 20 Jahren unter Naturschutz. Sandwüste ohne Bäume, kein Autoverkehr und keine Fast-Food-Restaurants. Hier scheint die Welt zu Ende. Zumindest die Zivilisation. Oder der Kontinent. La Graciosa ist der letzte Außenposten Europas vor der afrikanischen Küste.
Mit der Schubkarre steht Rosa am Hafenkai von La Graciosa. Sie wartet auf zwei neue Feriengäste. Da auf der kleinen Insel Autoverkehr nur auf wenige Ausnahmen beschränkt ist, fährt sie das Gepäck mit per Hand über die Sandpisten der Insel. Die Fähre legt an, eine Hand voll Touristen geht an Land. Rosa erkennt ihre neuen Gäste sofort: Suchende Gesichter und die einzigen mit mehreren Koffern. Sie schlendert auf
sie zu, nennt fragend ihre Namen, schüttelt die Hand. Der Rest der Kommunikation läuft auf Zeichensprache, denn Rosa spricht nur wenige Brocken Englisch. Wie das Pärchen aus Hamburg, buchen die meisten Besucher von La Graciosa nur eine Woche auf der Insel. „Länger wird für die meisten kritisch, da es kaum
Unterhaltungsangebote auf La Graciosa gibt“, berichtet Rolf Jonas, der selbst drei Monate auf der Insel verbracht hat und inzwischen selbst ein Ferienhaus dort besitzt. Fünf Restaurants (Jonas: Das hinter den Fischhallen ist das beste.“), drei Hotels, eine Bäckerei, zwei Supermärkte, eine Bank. Alles ist in der Hand von drei Familien, so unterhält der Besitzer der Fähre nicht nur das Schnellboot sondern auch die Bank und
das Hotel Girasol. Eng sind die 600 Bewohner der Insel verwandtschaftlich miteinander verflochten. „Hier ist jeder mit jedem irgendwie verwandt“, so Jonas. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Verschlossen sind sie, die Menschen auf La Graciosa. Mit ihren Strohhüten, die aussehen wie umgedrehte Blumentöpfe, scheinen sie sich nicht nur gegen die kanarische Sonne abzuschirmen sondern auch gegen alles Fremde. Sie ähneln ein wenig den dithmarscher Bauern oder den wortkargen Männern in der
Werbung für Flensburger Pilsener. Selbst wer drei Tage hintereinander morgens zum Brötchenholen durch das Dorf schlendert, wird von den Einheimischen kaum Antwort auf sein Hola hören. So bleibt den Feriengästen das, was viele suchen: Sonne, Ruhe, Natur – und ganz viel Zeit. Die Uhr scheint hier einfach langsamer zu gehen als im übrigen Europa.  Trotz baumloser Sandwüste und ohne Animationsprogramm für Touristen bietet La Graciosa einiges zum Entdecken. Nur muss man entweder gut zu Fuß sein oder Mountainbiketouren durch die sengende Hitze mögen – oder sich nur in der näheren Umgebung des Hafenortes Caleta del Sebo aufhalten. Dennoch, ein Ausflug nach Pedro Barba lohnt sich – es ist der zweite Ort der Insel. Außerhalb der spanischen Ferien gleicht das Dorf einer Geisterstadt. Ein Dutzend reiche Spanier haben sich hier ihre eigene Welt erschaffen: Künstlich bewässerte Gärten - uneingezäunt, strahlend weiße Häuser und eine verlassene Hafenmole. Kein Supermarkt, kein Restaurant oder Café – eigentlich auch kein anderer Mensch. Der
Wind pfeift um unbewohnte, aber sehr gepflegte Häuser. Eine ganze Familie aus La Graciosa ist damit beschäftigt, dieses Gesamtkunstwerk von Ortschaft instand zu halten, Gärtner, Putzfrau, Hausmeister und sogar einen eigenen Bringdienst für Einkäufe leistet sich die Upper Class von Pedro Barba. „In den Ferien ist es hier vorbei mit der Ruhe. Dann ankern im Hafen von Pedro Barba schicke Segelschiffe, das Dorf erwacht zum Leben“, meint Rolf Jonas, der mit seiner Frau auf der Nachbarinsel
Lanzarote wohnt. In dieser Zeit in Perdo Barba, gibt Jonas den Spott der Einheimischen wieder, erholen sich viele Bewohner der anderen kanarischen Inseln von dem Leben auf ihren hektischen Touristeninseln und genießen die Ruhe der Insel. Überall ist es die Einsamkeit, die es zu
entdecken lohnt auf La Graciosa: Die verlassene Playa de las Conchas mit ihrem gelben Zuckersand, breitem Strand und türkisblauem Wasser. Oder ein Radweg im Westen, der plötzlich in ein Felsplateau mündet, von dem aus es sich prima schnorcheln lässt. Oder der stadtnahe Strand Playa Francesa, menschenleer, fern der Zivilisation. Hier gerät man ins Dösen und Denken, wenn man auf dem Norden Lanzarotes blickt und beobachtet, wie die schweren Regenwolken an den Bergen stauen. Es gleicht
meditativer Stille, durch die schier endlose Sandwüste zurück ins Dorf zu wandern. Fast klösterlich ist diese Einsamkeit auf dem Wüsteneiland. Das kann ein Segen sein für gestresste Familien – und ein Fluch. „Wer hierher kommt, muss mit sich selbst im Reinen sein“, berichtet Jonas. So wie das Hamburger Pärchen, das zwei Wochen im
August auf La Graciosa Urlaub machte. „Die Einsamkeit zwingt zur Ehrlichkeit“, meint Dieter. Er hatte sich mit seiner Frau Susanne auch nach zwei Wochen noch viel zu sagen. Doch Jonas kennt auch Geschichten von Pärchen, „die an ihrer eigenen Sprachlosigkeit auf La Graciosa fast erstickt sind“, weil sie sich nur auf sich selbst besinnen mussten. All diese Ausflüge enden in Caleta del Sebo, den einzigen bewohnten Ort der Insel. Die
Architektur gleicht einem nordafrikanischem Ort. Das Sonnenlicht strahlt gleißend auf die flachen weiße Häuser mit blauen oder grünen Türen und Fenstern. Intensive Farben, die bei jedem Gang durch das Dorf erneut faszinierend wirken. In Caleta del Sebo geht es unaufgeregt und ruhig zu. Der Kommerz ist an diesem Ort vorbeigegangen: Souvenirshops, Ablenkungen und Vergnügungen sucht man vergebens. An den besten Plätzen am Hafen stehen keine Tisch- und Stuhlkolonnen,
sondern nur einige Bänke. Dort sitzen die Einheimischen auf ihren Bänken, wortkarg wie die Norddeutschen. Sie haben alles fest im Blick und scheinen hier den ganzen Tag auszuharren. „So richtig rausfahren müssen die Fischer von La Graciosa nicht mehr, da sie nicht mehr vor der afrikanischen Küste ihre Netze auswerfen dürfen, leben sie heute hauptsächlich von EU-Subventionen“, berichtet Rolf Jonas. Fischen gehen sie dennoch manchmal, mitunter auch heimlich wieder vor die nahe,
afrikanische Küste. So bleibt es ihre Hauptbeschäftigung, Tagestouristen zu beobachten, die von Lanzarote kommen, durch den kleinen Ort schwärmen, vergeblich nach Möglichkeiten zum Shoppen suchen, in dem kleinen Café an der Mole sitzen bleiben und sie genießen – diese Ruhe der kleinen anmutigen Insel. Andrea Lammert Links zum Thema: Canarytrekking.com La Graciosa in den Google Maps |